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Schüsselwörter: doppelter Betrug | Gleichgewicht? | Pseudoreligion | Intelligenz? | Heilung der Seele

Psychologismus,
ein pseudo-wissenschaftlicher Betrug

Was wir als "Psychologismus" bezeichnen, ist die Tendenz, alles auf psychologische Faktoren herabzumindern und nicht nur das Intellektuelle oder das Geistige in Frage zu stellen - wobei ersteres zur Wahrheit gehört und letzteres zum Leben in und durch die Wahrheit - sondern auch den menschlichen Geist als solchen und dadurch dessen Fähigkeit zur objektiven Erkenntnis (1) und - noch offensichtlicher - dessen innere Unbegrenztheit und Transzendenz.

Die gleiche herabsetzende und wirklich subversive Tendenz hat sich in all jene Bereiche ausgebreitet, welche die sogenannte (2) Wissenschaftlichkeit zu umfassen beansprucht; ihren stärksten Ausdruck findet diese Tendenz jedoch zweifelsohne in der Psychoanalyse.

Die Psychoanalyse verdient doppelt des Betrugs bezichtigt zu werden, zunächst weil sie so tut, als hätte sie Tatsachen entdeckt, die seit jeher bekannt waren und nicht anders als bekannt gewesen sein konnten und zweitens - und hauptsächlich - deshalb, weil sie für sich Funktionen in Anspruch nimmt, die in Wirklichkeit geistiger Art sind, so daß sie sich praktisch als eine Art Religion ausgibt. Was als "Prüfung des Gewissens" bezeichnet wird, oder, bei den Muslimen, als "Wissenschaft vom Gemüt" ('ilm al khawâtir) oder bei den Hindus als "Untersuchung" (vichara) - jedes Mal mit einer anderen Schattierung - ist nichts anderes, als die objektive Analyse der naheliegenden und ferneren Ursachen möglicher Handlungen und Reaktionen, die wir automatisch wiederholen, ohne uns über die wirklichen Beweggründe bewußt zu sein und ohne den wirklichen Charakter jener Beweggründe zu unterscheiden.

Es kommt vor, daß der Mensch die gleichen Fehler blindlings und gewohnheitssmässig wiederholt, weil er in sich selbst - in seinem Unbewußten - Irrtümer und Traumas birgt, die auf seiner Selbstüberschätzung (3) beruhen. Um geheilt zu werden muß er diese Komplexe entdecken und in klare Formeln übersetzen. Er muß sich seiner unbewußten Fehler bewußt werden und sie durch entgegengesetzte Versicherungen neutralisieren. Gelingt ihm dies, so werden seine Tugenden dadurch umso klarer. In diesem Sinne sagte Lao Tse: "Sich seiner Krankheit bewußt werden, heißt sie nicht mehr zu haben" und das Gesetz des Manu lautet: "Es gibt kein klareres Wasser als die Erkenntnis", d.h. als Objektivierung durch die Intelligenz.

Das Neue an der Psychoanalyse und was ihr jene unheimliche Originalität leiht, ist ihre Absicht jeden Reflex, jede Veranlagung der Seele niedrigen Faktoren zuzuschreiben, Faktoren geistiger Art jedoch auszuschließen; daher kommt auch ihre berüchtigte Idee das als gesund anzusehen was gemein und vulgär ist und als neurotisch was edel ist und tiefgründig. Der Mensch kann in dieser Welt nicht Prüfungen und Versuchungen umgehen, seine Seele ist daher zwangsläufig durch eine gewisse Unruhe geprägt, es sei denn sie sei mit einer engelgleichen Gelassenheit bedacht worden - was in stark religiösen Milieus der Fall sein kann - oder wenn sie im Gegenteil mit einer unerschütterlichen Trägheit ausgestattet ist, was überall vorkommt.

Die Psychoanalyse hat jedoch die Tendenz den Menschen in ein amorphes Gleichgewicht zu bringen, anstatt es ihm zu erlauben, das Beste aus seinem natürlichen und gewissermaßen schicksalshaften Ungleichgewicht zu machen und das Beste ist all das was seinem Endziel nützlich ist. Es ist geradeso als wolle man einem jungen Vogel das Leid der Lehrzeit dadurch ersparen, daß man ihm die Flügel stutzt. Analog könnte man folgendermassen sagen: Wenn jemand Angst vor einer überschwemmung hat, und einen Weg sucht ihr zu entgehen, so würde die Psychoanalyse ihm die Angst davor nehmen und den Patienten ertrinken lassen; i.a.W. anstatt die Sünde abzuschaffen, schafft sie das Schuldgefühl ab, was einem erlaubt, gelassen in die Hölle zu gehen. Das soll nicht heißen, daß es nicht vorkommt, daß ein Psychoanalytiker einen gefährlichen Komplex entdecken und auflösen kann, ohne gleichzeitig den Patienten zu ruinieren; aber es geht hier um das Prinzip, dessen Gefahren und Irrtümer viel grösser sind als die begrenzten Vorteile und Teilwahrheiten.

Für den durchschnittlichen Psychoanalytiker folgt daraus, daß ein Komplex schlecht ist, eben weil er ein Komplex ist. Er will nicht einsehen, daß es Komplexe gibt, die dem Menschen Ehre machen können, oder die wegen seiner Gottähnlichkeit natürlich sind, daß folglich Ungleichgewichte notwendig sind, die nach oben hin von uns gelöst werden müssen und nicht von unten her (5). Es gibt einen anderen Fehler, der im Grunde der gleiche ist: Er besteht darin, ein Gleichgewicht als gut anzusehen, weil es ein Gleichgewicht ist, als gäbe es keine Gleichgewichte, die aus Gefühllosigkeit und Perversion bestehen. Selbst unser menschlicher Zustand ist nicht im Gleichgewicht, da wir uns dasseinsmässig zwischen den irdischen Bedingungen und dem angeborenen Ruf des Absoluten (6) befinden. Sich von einem psychischen Knoten zu befreien ist nicht das ganze Problem, man muß auch wissen, wie und warum man sich davon befreien soll. Wir sind keine amorphen Substanzen, denn grundsätzlich bewegen wir uns in aufsteigender Richtung. Auch muß unser Glück im rechten Verhältnis zu unserer gesamten Menschennatur (7) stehen, da wir sonst Gefahr laufen, auf die tierische Stufe sinken zu sinken. Denn ein Glück ohne Gott ist gerade das was der Mensch nicht ertragen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Deshalb muß der Arzt der Seele ein Brückenbauer (8) sein, d.h. ein geistiger Lehrer im eigentlichen und traditionellen Sinn des Wortes: Ein profaner Fachmann hat weder die Fähigkeit, noch folglich das Recht, sich mit der Seele zu beschaffen, es sei denn es gehe um elementare Schwierigkeiten, die der gesunde Menschenverstand lösen kann.

Das geistige und soziale Verbrechen der Psychoanalyse ist daher ihre widerrechtliche Aneignung der Stellung der Religion oder der Weisheit, welche die Weisheit Gottes ist, und die Ausschaltung aus ihrer Methode von jeglicher Hinsicht auf unser letztes Ziel. Es scheint als ob man, da man unfähig ist gegen Gott zu kämpfen, man die menschliche Seele angreifen wolle, indem man das göttliche Abbild an Stelle des Prototyps entwürdigt. Wie jeder Lösungsversuch, der das übernatürliche vermeidet, ersetzt die Psychoanalyse auf ihre Weise das was sie abschaffen wollte: Die Leere, die sie durch ihre beabsichtigten oder unbeabsichtigten zerstörerischen Eingriffe hervorruft, bläht sie auf und verdammt sie zu einer falschen Unendlichkeit oder dazu als Pseudo-Religion zu amten.

Um sich entwickeln zu können brauchte die Psychoanalyse einen günstigen Närboden, nicht nur was die Ideen betrifft, sondern auch betreffend der psychologischen Phänomene. Damit ist gemeint, daß die Europäer, die schon immer Gehirntypen gewesen sind, seit den letzten zwei Jahrhunderten es noch mehr geworden sind. Diese Konzentration der gesamten Intelligenz auf den Kopf ist jedoch übertrieben und abnormal. Die Hypertrophien zu denen eine solche Konzentration führt sind kein Beweis für überlegenheit, auch wenn sie in gewissen Bereichen wirksam sein können.

Normalerweise sollte die Intelligenz nicht nur im Denken liegen, sondern auch im Herzen und sogar im ganzen Körper, wie sie das bei den sogenannten "primitiven" Menschen der Fall ist, die in bestimmter Hinsicht den überzivilisierten Menschen klar überlegen sind. Wie dem auch sei, was wir hier betonen wollen, ist daß die Psychoanalyse im Grossen und Ganzen ein Resultat des mentalen Ungleichgewichts ist, das mehr oder weniger allgemein in einer Welt vorherrscht, in welcher die Maschine den Lebensrythmus des Menschen bestimmt und was schlimmer ist, auch den Rythmus seiner Seele und seines Geistes.

* * *

Die Psychoanalyse hat einen mehr oder weniger offiziellen Eintritt in die Welt der "Gläubigen" gefunden und auch das ist ein Zeichen der Zeit. Das Ergebnis davon ist, daß man eine Methode in die sogenannte "Spiritualität" eingeführt hat, die mit der Menschenwürde ganz unvereinbar ist und die gleichzeitig dem Anspruch auf "Reife" und "Emanzipation" auf besondere Weise widerspricht. Einerseits spielen sich die Leute als Halbgötter auf, gehen aber andererseits auf unverantwortliche Art und Weise miteinander um. Bei der leichtesten Depression, die entweder durch ein zu hektisches Milieu verursacht wurde, oder durch einen dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufenden Lebensstil, eilen die Leute zum Psychiater, der seine Aufgabe darin sieht, ihnen entweder einen falschen Optimismus einzuflößen, oder ihnen eine "befreiende" Sünde zu empfehlen. Niemand scheint auch nur zu ahnen, daß es nur ein Gleichgewicht gibt, nämlich jenes welches uns in unserer wirklichen Mitte und in Gott verankert.

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"Erkenne dich selbst", so lautet die (hellenistische) Überlieferung und ebenso: "Wer seine Seele kennt, kennt seinen Herrn" (Islam). Das traditionelle Modell dessen was die Psychoanalyse sein sollte, oder dessen was sie vorgibt zu sein, ist die Wissenschaft der Tugenden und Laster; wobei die grundlegende Tugend die der Aufrichtigkeit ist, welche mit der Demut übereinstimmt. Wer die Sonde der Wahrheit und Rechtschaffenheit in seine Seele taucht wird schließlich die feinsten Knoten entdecken. Es ist sinnlos die Seele ohne den Geist heilen zu wollen; worauf es vor allem ankommt, ist die Intelligenz von den Irrtümern, die sie verderben freizumachen und so die Grundlage für die Rückkehr der Seele zu ihrem Gleichgewicht zu schaffen. Jedoch nicht zu irgendeinem Gleichgewicht, sondern zu jenem Gleichgewicht, dessen Prinzipien die Seele in sich selbst trägt. Der heilige Bernhard sagt, daß die leidenschaftliche Seele "etwas verachtenswertes" ist und Meister Eckhart ermahnt uns sie zu "hassen" (9). Dies bedeutet, daß das große Heilmittel für all unsere inneren Nöte die Objektivität mit uns selbst ist; die Quelle oder der Ausgangspunkt dieser Objektivität liegt über uns selbst, in Gott. Was in Gott ist, spiegelt sich wider in unserem überpersonalen Zentrum und das ist der reine Intellekt; d.h. daß die Wahrheit, die uns rettet, Teil unseres tiefinnersten und wirklichsten Wesens ist. Irrtum oder Gottlosigkeit ist die Weigerung zu sein was man ist.

© Michael Pollack

Dieser leicht gekürzte Artikel erschien urspünglich in Schuon, Frithjof; Survey of Metaphysics and Esoterism; 1986 Bloomington, USA

Anm. d. Übersetzers

(1) D.h. die Erkenntnis der geistigen, höheren Wirklichkeiten, die potentiell in der menschlichen Seele angelegt sind.
(2) D.h. die säkuläre, profane Wissenschaft, welche die Erkenntnis Gottes ignoriert oder leugnet; vgl. auch z.B. "The Superstition of Science" in Guénon, R; East and West; oder Nasr, S.H; Man and Nature; London 1990; S.20
(3) D.h. der Dünkel, ein heute seltenes, aber passendes Wort.
(4) Btr. Ojektivierung siehe letzten Abschnitt.'
(5) Mit Allahs Hilfe, nicht mithilfe der (niedrigen) Triebkräfte.
(6) Der Ruf des Absoluten bezieht sich z.B. auf Sura Al-A'râf, Vers 172: "alastu bi-rabbikum" 'Bin ich (etwa) nicht euer Herr?"
(7) Die Menschennatur ist jedoch eine Einkeit von Körper, Seele und Geist
(8) Wörtlich: Pontifex
(9) Vgl. mit Sura An-Nâzi'at, Vers 40.
NB: Frithjof Schuon ist Nur al-Din Isa.

 Schuon, Frithjof; Survey of Metaphysics And Esoterism ©


2004-11-23
2000-10-09

 

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